{"id":179,"date":"2021-01-27T15:44:00","date_gmt":"2021-01-27T14:44:00","guid":{"rendered":"https:\/\/w344a1.smart-net.at\/?p=179"},"modified":"2023-03-10T11:18:14","modified_gmt":"2023-03-10T10:18:14","slug":"ein-neues-universitatsgesetz-gegen-den-wissenschaftlichen-nachwuchs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/eliserichter.net\/index.php\/2021\/01\/27\/ein-neues-universitatsgesetz-gegen-den-wissenschaftlichen-nachwuchs\/","title":{"rendered":"Ein neues Universit\u00e4tsgesetz gegen den wissenschaftlichen Nachwuchs"},"content":{"rendered":"\n<p>Original Article: <a href=\"https:\/\/www.derstandard.at\/story\/2000123590860\/ein-neues-universitaetsgesetz-gegen-den-wissenschaftlichen-nachwuchs?ref=article\">der-standard<\/a> by <meta charset=\"utf-8\">(Katharina Wiedlack, Julia Lajta-Novak, 27.1.2021)<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Wie das geplante UG innovative, interdisziplin\u00e4re Forschung behindert und Frauen und Minderheiten den Zugang zur universit\u00e4ren Laufbahn erschwert<\/h3>\n\n\n\n<p>&#8220;Und das nennst du Karriere?&#8221;, fragte der Leichtathletiktrainer ungl\u00e4ubig. Kurze, befristete Vertr\u00e4ge, gro\u00dfer Konkurrenzkampf und h\u00f6chste Mobilit\u00e4tsbereitschaft; drei Jahre Assistentin hier, eine zweij\u00e4hrige Karenzvertretung dort, ein Jahr Stipendium im Ausland, zwei Jahre &#8220;Research Fellow&#8221; an der n\u00e4chsten Universit\u00e4t. Keine Planungssicherheit und st\u00e4ndig der Druck, im laufenden Anstellungsverh\u00e4ltnis das n\u00e4chste anbahnen zu m\u00fcssen. Wenn Laien \u00fcber die Universit\u00e4t als &#8220;gesch\u00fctzten Arbeitsplatz&#8221; witzeln und man ihnen dann erkl\u00e4rt, wie das System tats\u00e4chlich mit dem wissenschaftlichen Nachwuchs (sprich: jenen, die keine Professur innehaben) verf\u00e4hrt, folgt meist gro\u00dfes Staunen. &#8220;Warum tut sich das dann irgendwer an?&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>Zur Klarstellung: Wir machen unseren Job aus Begeisterung und mit Leidenschaft und nehmen daf\u00fcr so einiges in Kauf. Doch die dem Parlament derzeit vorliegende Novelle des Universit\u00e4tsgesetzes (UG) droht unsere ohnehin steinigen Karrierewege zus\u00e4tzlich zu erschweren.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Novelle trifft Benachteiligte<\/h3>\n\n\n\n<p>Problematisch sind viele Punkte der Novelle: Die politische Unabh\u00e4ngigkeit der Universit\u00e4ten wird (weiter) eingeschr\u00e4nkt, indem sie die Befugnisse der Senate zugunsten eines zunehmend politisch besetzten Universit\u00e4tsrats aush\u00f6hlt. 24 ECTS-Punkte sollen nun innerhalb der ersten vier Semester erlangt werden. Schafft man diese H\u00fcrde nicht, droht eine Sperre von zehn Jahren f\u00fcr das jeweilige Studium. Die neuen Anforderungen werden genau jene Studierenden treffen, die ohnehin schon benachteiligt sind: Berufst\u00e4tige, Menschen mit Pflegeverantwortung und hier wohl vor allem Frauen, Menschen mit Behinderung und so weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Jungwissenschafterinnen und Jungwissenschafter wie uns wird besonders die geplante \u00c4nderung des Paragrafen 109 und der sogenannten Kettenvertragsregelung treffen, die Anfang J\u00e4nner in zahlreichen \u00f6ffentlichen Stellungnahmen kritisiert wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Zun\u00e4chst zur Erkl\u00e4rung: Befristete Kurzanstellungen (auf sechs, vier oder weniger Jahre) machen einen gro\u00dfen Teil der universit\u00e4ren Forschungsstellen in \u00d6sterreich aus und auch einen guten Teil der Lehre. Das \u00f6sterreichische Arbeitsrecht sollte sittenwidrige Kettenarbeitsvertr\u00e4ge eigentlich verhindern, indem es Arbeitgeber dazu verpflichtet, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nach sp\u00e4testens sechs Jahren einen dauerhaften Vertrag zu geben. Die Universit\u00e4ten halten jedoch seit der Novellierung des Universit\u00e4tsgesetzes 2002 an ihrem System fest \u2013 nur wenige unbefristete Vertr\u00e4ge wurden seither vergeben. St\u00f6\u00dft eine Forscherin oder Lehrbeauftragte zum Beispiel an besagte Sechsjahresgrenze, muss sie pausieren (an der Universit\u00e4t Wien meist ein volles Jahr!), damit die &#8220;Kette&#8221; als unterbrochen gilt und sie einen neuen befristeten Vertrag annehmen kann. Dieses &#8220;System&#8221; ergibt inhaltlich und geografisch zerkl\u00fcftete akademische Laufbahnen, erschwert soziale Bindungen und Familienplanung und birgt die st\u00e4ndige Unsicherheit, ob man denn im n\u00e4chsten oder \u00fcbern\u00e4chsten Jahr ein Einkommen haben wird.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/i.ds.at\/EG9Fzg\/rs:fill:750:0\/plain\/2021\/01\/25\/974C771E-B7E2-4AA9-808D-0150C5D4DAA9.jpg\" alt=\"\"\/><figcaption>Gegen die Uni-Novelle haben sich bereits 700 Wissenschafterinnen und Wissenschafter in einem offenen Brief an Bildungsminister Heinz Fa\u00dfmann gewandt.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Kein Wunder also, dass der sogenannte universit\u00e4re &#8220;Mittelbau&#8221; der angek\u00fcndigten Novellierung des Universit\u00e4tsgesetzes zum Teil hoffnungsvoll entgegenblickte. Noch weniger darf es nun aber verwundern, welches Entsetzen die geplante Novelle an den Universit\u00e4ten ausl\u00f6ste, als Details bekannt wurden.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Schlag gegen innovative Nachwuchsforschung<\/h3>\n\n\n\n<p>Nun soll eine absolute Obergrenze von acht Jahren (f\u00fcr Lehrbeauftragte sogar sechs Jahre) eingezogen werden, die f\u00fcr viele Forschende und Lehrende einem Berufsverbot an den Universit\u00e4ten gleichkommt, f\u00fcr die sie arbeiten. Die Begr\u00fcndung, dass damit die Universit\u00e4ten nun aber wirklich dazu angehalten w\u00e4ren, unbefristete Stellen zu vergeben,&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.derstandard.at\/story\/2000122520954\/ug-novelle-am-unhaltbaren-festhalten\">um gute Leute zu halten<\/a>, entringt vielen von uns nur ein m\u00fcdes L\u00e4cheln. Das h\u00e4tten sie schlie\u00dflich auch bisher gekonnt und haben es selten getan. Auch der neue Gesetzesentwurf beinhaltet diesbez\u00fcglich keinerlei Vorgaben oder Anreize f\u00fcr die Universit\u00e4ten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die absurden Ausw\u00fcchse der gew\u00e4hlten Strategie kommen besonders zutage, wenn man sich die Situation von Wissenschafterinnen und Wissenschaftern ansieht, die wie wir selbst h\u00f6chst erfolgreich Drittmittelprojekte und Preise eingeworben haben, die an renommierten ausl\u00e4ndischen Instituten geforscht haben und deren Projekte und Publikationen mehrfach international und unabh\u00e4ngig begutachtet und f\u00fcr exzellent befunden wurden. Hatten sie bisher nicht das Gl\u00fcck, eine unbefristete Stelle antreten zu k\u00f6nnen \u2013 und die M\u00f6glichkeit bietet sich in diesem System nun einmal selten \u2013, w\u00e4ren sie an ihrer jetzigen Universit\u00e4t in Zukunft gesperrt, selbst wenn sie ihr eigenes Gehalt und das Gehalt von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern \u00fcber eine kompetitive, mehrj\u00e4hrige Projektf\u00f6rderung selbst mitbr\u00e4chten.<\/p>\n\n\n\n<p>International begutachtete Drittmittelprojekte sind oftmals interdisziplin\u00e4r angelegt und bringen frischen Wind in die \u00f6sterreichische Forschungslandschaft. F\u00fcr diese innovativen Felder gibt es bislang kaum Planstellen, die exzellente Forscherinnen und Forscher hier auffangen k\u00f6nnten. Die vorgeschlagene Gesetzesnovelle verstellt hier also nachhaltiger und innovativer Forschung den Weg.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Gefahr f\u00fcr die Unis<\/h3>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Betroffenen bedeutet die geplante Novellierung einen weiteren Bruch in unseren Biografien. Sie bedeutet, dass wir auf unsere standortbezogene Arbeit nicht aufbauen k\u00f6nnen. Diese Diskontinuit\u00e4t wird auch die Universit\u00e4ten treffen und besonders jene Fachrichtungen, die von externer Lehre und Forschung leben. Hier ist ein Braindrain zu erwarten, da viele exzellente Forschende ins Ausland wechseln werden (manche Fachrichtungen sind in \u00d6sterreich \u00fcberhaupt nur an einem einzigen Standort vertreten). Der Forschungsstandort \u00d6sterreich wird dadurch weniger attraktiv gemacht \u2013 er wird Jungforschenden nun nicht einmal mehr mittelfristige Perspektiven bieten.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Netzwerk des Exzellenz-F\u00f6rderprogramms &#8220;Elise Richter&#8221; (FWF) weist in seiner&nbsp;<a href=\"https:\/\/w344a1.smart-net.at\/\">Stellungnahme zur geplanten UG-Novelle<\/a>&nbsp;eindr\u00fccklich auf die Karriere-&#8220;Schere&#8221; zwischen M\u00e4nnern und Frauen im Wissenschaftsbetrieb hin. Wie jeder Schritt in Richtung gr\u00f6\u00dfere Prekarit\u00e4t wird auch dieser Frauen besonders hart treffen (gerade w\u00e4hrend der Covid-Pandemie zeigt sich das einmal mehr), sowie Migrantinnen und Migranten, Menschen mit Behinderung, ethnische und andere Minderheiten. Es ist zu erwarten, dass die geplanten Gesetzes\u00e4nderungen der Vielfalt an unseren Universit\u00e4ten noch zus\u00e4tzlich schaden \u2013 der inhaltlichen wie auch der personellen. (Katharina Wiedlack, Julia Lajta-Novak, 27.1.2021)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Original Article: der-standard by (Katharina Wiedlack, Julia Lajta-Novak, 27.1.2021) Wie das geplante UG innovative, interdisziplin\u00e4re Forschung behindert und Frauen und<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/eliserichter.net\/index.php\/2021\/01\/27\/ein-neues-universitatsgesetz-gegen-den-wissenschaftlichen-nachwuchs\/\" class=\"more-link\">Continue reading<span class=\"screen-reader-text\">Ein neues Universit\u00e4tsgesetz gegen den wissenschaftlichen Nachwuchs<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[11,14],"tags":[18],"class_list":["post-179","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-news-positions","category-news","tag-news"],"uagb_featured_image_src":{"full":false,"thumbnail":false,"medium":false,"medium_large":false,"large":false,"1536x1536":false,"2048x2048":false,"post-thumbnail":false,"wen-travel-archive":false,"wen-travel-slider":false},"uagb_author_info":{"display_name":"admin","author_link":"https:\/\/eliserichter.net\/index.php\/author\/admin-2\/"},"uagb_comment_info":1,"uagb_excerpt":"Original Article: der-standard by (Katharina Wiedlack, Julia Lajta-Novak, 27.1.2021) Wie das geplante UG innovative, interdisziplin\u00e4re Forschung behindert und Frauen undContinue readingEin neues Universit\u00e4tsgesetz gegen den wissenschaftlichen Nachwuchs","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/eliserichter.net\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/179","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/eliserichter.net\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/eliserichter.net\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/eliserichter.net\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/eliserichter.net\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=179"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/eliserichter.net\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/179\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":180,"href":"https:\/\/eliserichter.net\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/179\/revisions\/180"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/eliserichter.net\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=179"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/eliserichter.net\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=179"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/eliserichter.net\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=179"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}