{"id":177,"date":"2021-02-01T15:42:00","date_gmt":"2021-02-01T14:42:00","guid":{"rendered":"https:\/\/w344a1.smart-net.at\/?p=177"},"modified":"2023-03-10T11:18:06","modified_gmt":"2023-03-10T10:18:06","slug":"warum-die-reform-der-kettenvertrage-an-den-unis-auf-widerstand-stost","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/eliserichter.net\/index.php\/2021\/02\/01\/warum-die-reform-der-kettenvertrage-an-den-unis-auf-widerstand-stost\/","title":{"rendered":"Warum die Reform der Kettenvertr\u00e4ge an den Unis auf Widerstand st\u00f6\u00dft"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die Gr\u00fcnen versprechen nach Kritik der Betroffenen \u00c4nderungen. Doch warum m\u00fcssen sich Wissenschafter mit befristeten Vertr\u00e4gen durch die Karriere hanteln?<\/h3>\n\n\n\n<p><meta charset=\"utf-8\"><strong>Original article: <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.derstandard.at\/story\/2000123728859\/warum-die-reform-der-kettenvertraege-auf-widerstand-an-den-unis\" target=\"_blank\">widerstand-an-den-unis<\/a><\/strong> by Theo Anders<\/p>\n\n\n\n<p>Die Etablierung wissenschaftlicher Erkenntnisse dauert in der Regel sehr lang. Bei wissenschaftlichen Anstellungen ist das umgekehrt: F\u00fcr die in \u00d6sterreich Forschenden und Lehrenden gilt ein unbefristeter Vertrag nachgerade als Utopie, der Gro\u00dfteil des akademischen Personals hantelt sich von einem befristeten Engagement zum n\u00e4chsten \u2013 Kettenvertr\u00e4ge also.<\/p>\n\n\n\n<p>In der regul\u00e4ren Arbeitswelt w\u00e4re eine solche Aneinanderreihung von befristeten Vertr\u00e4gen nicht zul\u00e4ssig, die Unis haben sich hier mit dem ber\u00fcchtigten Paragrafen 109 des Universit\u00e4tsgesetzes (UG) eine Sonderregelung ausbedungen. De facto k\u00f6nnen sich die Ketten \u2013 mit alibihalber eingelegten Pausen dazwischen \u2013 \u00fcber Jahrzehnte erstrecken. Die st\u00e4ndige berufliche Unsicherheit macht die Lebensplanung schwierig, die Unzufriedenheit mit der geltenden Kettenvertragsregelung ist dementsprechend virulent.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Acht Jahre insgesamt<\/h3>\n\n\n\n<p>Die t\u00fcrkis-gr\u00fcne Regierung hat mit der UG-Novelle nun allerdings eine \u00c4nderung des 109er vorgeschlagen, die erst recht f\u00fcr breiten Widerstand bei den Betroffenen sorgt. Die Stellungnahmen der Vertreter des akademischen Mittelbaus im Begutachtungsverfahren fallen weithin vernichtend aus, h\u00e4ufig ist von einem drohenden &#8220;Berufsverbot&#8221; zu lesen. Hintergrund: Es soll eine maximale Gesamtdauer befristeter Vertr\u00e4ge von acht Jahren (etwa f\u00fcr Mitarbeiter von Forschungsprojekten) beziehungsweise sechs Jahren (f\u00fcr Lektoren) an einer Universit\u00e4t eingef\u00fchrt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch was passiert danach? Nachwuchswissenschafter f\u00fcrchten vielfach, dass ihnen nach den acht Jahren in der Kette das Karriereende bl\u00fcht, weil ihnen die Unis keine unbefristeten Vertr\u00e4ge anbieten werden, mit denen sie weiterarbeiten k\u00f6nnten. Belastbare Prognosen, wie viele Uni-Mitarbeiter durch die Novelle tats\u00e4chlich aus dem System fallen und wie viele fix \u00fcbernommen werden, gibt es nicht. Wissenschaftsminister Heinz Fa\u00dfmann (\u00d6VP) sagte j\u00fcngst im&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.derstandard.at\/story\/2000123294415\/fassmann-hofft-auf-biografische-verantwortung-der-unis-bei-kettenvertraegen\">STANDARD-Interview,<\/a>&nbsp;er hoffe auf die &#8220;biografische Verantwortung&#8221; der Unis nach der jahrelangen Bew\u00e4hrungsphase.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Regierung pokert<\/h3>\n\n\n\n<p>Thomas K\u00f6nig, Experte f\u00fcr Hochschulgovernance am Institut f\u00fcr H\u00f6here Studien (IHS), ist skeptisch: &#8220;Es w\u00fcrde mich wundern, wenn die Uni-Leitungen pl\u00f6tzlich anfingen, sich gro\u00dfe Gedanken \u00fcber den Lebensweg der einzelnen Mitarbeiter zu machen.&#8221; Darauf zu setzen, dass die Unis ihre Fachkr\u00e4fte unbedingt halten wollen und diese daher entfristen, sei ein &#8220;gewagter Poker der Regierung&#8221;, so K\u00f6nig. Immerhin sei die &#8220;akademische Reservearmee&#8221; gro\u00df genug, und die auf Flexibilit\u00e4t getrimmten Rektorate w\u00fcrden eher zur Anstellung neuer befristeter Mitarbeiter neigen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Keine Kultur der Personalentwicklung<\/h3>\n\n\n\n<p>Als Motiv hierf\u00fcr ortet der IHS-Experte einen historischen Schatten, der den waltenden Uni-Managern nachh\u00e4ngt. Denn viele von ihnen h\u00e4tten in den 1980er- und 90er-Jahren einen \u00f6sterreichischen Hochschulbetrieb miterlebt, in dem mitunter auch mittelm\u00e4\u00dfige Wissenschafter verbeamtet und damit unk\u00fcndbar wurden \u2013 bis zur Dienstrechtsnovelle im Jahre 2001 war das m\u00f6glich. Das Bild eines tr\u00e4gen Systems, in dem zu wenige Stellen frei werden und Leistungsanreize fehlen, sei vielen Entscheidungstr\u00e4gern noch heute als Negativszenario pr\u00e4sent und sorge f\u00fcr eine Reserviertheit gegen\u00fcber einer unbefristeten Stellenvergabe.<\/p>\n\n\n\n<p>Allerdings sei die Analogie zwischen damals und heute sachlich kaum zutreffend, zumal ein unbefristeter Arbeitsvertrag auch an der Uni k\u00fcndbar w\u00e4re. Dem pflichtet Anwalt Stefan Huber bei, er hat sich auf Hochschulrecht spezialisiert. &#8220;Das Problem ist, dass es an den Unis keine Kultur der Personalentwicklung gibt&#8221;, sagt Huber. Die Hochschulen w\u00fcrden es sich bequem machen, indem sie nur befristete Vertr\u00e4ge vergeben. So ersparten sie sich von vornherein das schwierige Thema K\u00fcndigung samt emotionalen und juristischen Streitigkeiten bei H\u00e4rtef\u00e4llen: &#8220;Die Institutsvorst\u00e4nde wollen sich nicht als Personalmanager verstehen, und die Rektorate haben keinen \u00dcberblick \u00fcber die Qualit\u00e4t der Mitarbeiter&#8221;, befindet Huber. Sollte hier ein Umdenken stattfinden, k\u00f6nne man den Paragrafen 109 auch ersatzlos aus dem Uni-Gesetz streichen und das normale Arbeitsrecht anwenden, meint der Jurist.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Risikofaktor Projektgeld<\/h3>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die aktuelle UG-Novelle kommt das auf politischer Ebene aber nicht infrage, wie soll es also weitergehen? Das Elise-Richter-Netzwerk, ein Zusammenschluss von Wissenschafterinnen des gleichnamigen Exzellenzprogramms, pocht auf mehr ausfinanzierte unbefristete Stellen der Unis. Die Forscherinnen werben seit vielen Jahren Drittmittel von F\u00f6rderinstitutionen wie dem Wissenschaftsfonds FWF ein, um ihre Projekte betreiben zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie sind an der Uni f\u00fcr die Dauer der jeweiligen Projekte befristet unter Vertrag, sorgen aber selbst f\u00fcr die Finanzierung ihrer Forschungsvorhaben und Stellen. &#8220;Das Risiko tr\u00e4gt jede Wissenschafterin allein. Wenn wir kein Projekt mehr bekommen, sind wir arbeitslos&#8221;, erl\u00e4utert die Evolutionsbiologin Barbara Fischer. Es sei aber nicht in Ordnung, den Druck fortw\u00e4hrend auf die Forscherinnen zu \u00fcberw\u00e4lzen, w\u00e4hrend die Uni gleichzeitig die Erfolge \u2013 etwa Patente und Publikationen \u2013 einheimst: &#8220;Wenn eine Wissenschafterin in kompetitiven internationalen Verfahren Projektgelder aufgestellt hat, sollten die Universit\u00e4ten das auch anerkennen und ein Karrieremodell erm\u00f6glichen.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Frauen stark betroffen<\/h3>\n\n\n\n<p>Anreize daf\u00fcr k\u00f6nne die Politik etwa in den Leistungsvereinbarungen mit den Unis verankern, indem Budgetmittel mit der Stellenvergabe verkoppelt werden. Eine Absicherung der Projektleiterinnen sei zudem ein Gebot der Geschlechtergerechtigkeit, befindet das Richter-Netzwerk. Denn w\u00e4hrend die Professorenschaft nach wie vor von M\u00e4nnern dominiert wird, sind Frauen in Drittmittelprojekten stark vertreten. Ein dr\u00e4uendes Uni-Ende nach acht Jahren k\u00f6nnte vor allem einem weiblichen Exodus aus dem Wissenschaftsbetrieb Vorschub leisten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die gr\u00fcne Wissenschaftssprecherin Eva Blimlinger verspricht im STANDARD-Gespr\u00e4ch \u00c4nderungen an der Novelle. So werde dar\u00fcber verhandelt, die Z\u00e4hlung der maximal m\u00f6glichen acht Jahre erst zu einem sp\u00e4teren Karrierezeitpunkt beginnen zu lassen. Eine M\u00f6glichkeit zur ewigen Aneinanderreihung von Befristungen soll es aber definitiv nicht geben: &#8220;Wenn man mit Mitte 50 kein Projekt mehr bekommt, ist das eine Katastrophe. Mit Mitte 30 kann man sich noch umorientieren.&#8221; Blimlinger kann sich auch vorstellen, eine Richtlinie f\u00fcr Stellenpl\u00e4ne in den Leistungsvereinbarungen zu normieren. Prinzipiell ist ihr aber schleierhaft, weshalb die Rektorate nicht von sich aus bew\u00e4hrte Wissenschafter unbefristet an ihre Institution binden. (Theo Anders, 1.2.2021)<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Gr\u00fcnen versprechen nach Kritik der Betroffenen \u00c4nderungen. Doch warum m\u00fcssen sich Wissenschafter mit befristeten Vertr\u00e4gen durch die Karriere hanteln?<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/eliserichter.net\/index.php\/2021\/02\/01\/warum-die-reform-der-kettenvertrage-an-den-unis-auf-widerstand-stost\/\" class=\"more-link\">Continue reading<span class=\"screen-reader-text\">Warum die Reform der Kettenvertr\u00e4ge an den Unis auf Widerstand st\u00f6\u00dft<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[11,14],"tags":[18],"class_list":["post-177","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-news-positions","category-news","tag-news"],"uagb_featured_image_src":{"full":false,"thumbnail":false,"medium":false,"medium_large":false,"large":false,"1536x1536":false,"2048x2048":false,"post-thumbnail":false,"wen-travel-archive":false,"wen-travel-slider":false},"uagb_author_info":{"display_name":"admin","author_link":"https:\/\/eliserichter.net\/index.php\/author\/admin-2\/"},"uagb_comment_info":0,"uagb_excerpt":"Die Gr\u00fcnen versprechen nach Kritik der Betroffenen \u00c4nderungen. Doch warum m\u00fcssen sich Wissenschafter mit befristeten Vertr\u00e4gen durch die Karriere hanteln?Continue readingWarum die Reform der Kettenvertr\u00e4ge an den Unis auf Widerstand st\u00f6\u00dft","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/eliserichter.net\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/177","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/eliserichter.net\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/eliserichter.net\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/eliserichter.net\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/eliserichter.net\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=177"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/eliserichter.net\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/177\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":181,"href":"https:\/\/eliserichter.net\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/177\/revisions\/181"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/eliserichter.net\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=177"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/eliserichter.net\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=177"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/eliserichter.net\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=177"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}